TOPOS 10

Menschenbild


Inhalt

AUFSÄTZE

Hans Heinz Holz: Zur Kritik der philosophischen Anthropologie

Andreas Hüllinghorst: Hegel - Feuerbach - Marx. Die vermittelte Umkehrung


Jörg Zimmer
: Dialektik der Grenze. Reflexivität als conditio humana in Helmuth Plessners Anthropologie der exzentrischen Positionalität

Hans-Peter Brenner: Arbeit und Anthropogenese aus Sicht der marxistischen Persönlichkeitstheorie

DISKUSSION

Renate Wahsner: Brief zur Frage: Was war erhaltenswert in der Philosophie der DDR?

AUS DEN ARCHIVEN

Elias Canetti: Ein unpubliziertes Rundfunkgespräch

LITERATUR UND FORSCHUNG

Hans Heinz Holz: Zum Tode von Jindrich Zeleny

Volker Bialas: Idee einer globalen Friedensordnung. Ein philosophisch-friedenspolitischer Diskurs. Bericht über ein interdisziplinäres Arbeitsprojekt der Jahre 1994 bis 1997


Editorial

... Das 10. Heft nimmt eine der zentralen Fragen gegenwärtigen Philosophierens auf: das Menschenbild. Es scheint, daß heute die humanwissenschaftlichen Disziplinen - Geschichtswissenschaft und Ethnologie, Soziologie, Politologie und Ethik, Psychologie und Pädagogik, Biologie und Medizin, um einige zentrale Bereiche zu nennen, sehr verschiedene, zuweilen sogar inkompatible Bilder vom Menschen entwerfen. Die einheitliche weltanschauliche Perspektive, die ihnen einmal von der philosophischen Anthropologie vorgegeben war, ist längst einem Pluralismus der Disziplinen und in den Disziplinen gewichen; und dem Postulat der Interdisziplinarität wird oft nur sehr formal und additiv Rechnung getragen. Nach Kant laufen die Grundfragen der Philosophie in die eine Frage zusammen: Was ist der Mensch? Wäre dies richtig, so käme der philosophischen Anthropologie die Rolle zu, Abschluß und zugleich Grundlegung einer Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften zu sein. Im 20. Jahrhundert ist in der Tat dieser Anspruch erhoben worden. Ja, man hat der Anthropologie eine weitreichende politische Bedeutung und Verantwortung aufgebürdet, wenn zum Beispiel gefragt wurde, ob dem Aufbau des Sozialismus in Osteuropa nicht vielleicht ein falsches Menschenbild zugrunde gelegen habe, so daß die Niederlage nicht nur aus politischen, sondern, tiefer greifend, aus allgemein-menschlichen Bedingungen zu erklären sei. Dem nachzufragen, ist eine mehr als nur theoretische Aufgabe; denn was immer für ein Bild des Menschen wir zeichnen - und es ist immer ein Bild, das sich durch ideale und normative Züge von der Faktizität unterscheidet -: es hat praktische Konsequenzen für die Gestaltung der menschlichen Gemeinschaft und für unser Leben und Verhalten in ihr. Aber gerade weil dieses Bild nicht einfach eine empirische Beschreibung des Faktischen während eines bestimmten Beobachtungszeitraums sein kann, ist diese mehr als theoretische Aufgabe immer nur theoretisch lösbar. Und sie ist nie endgültig lösbar, weil sich das Bild des Menschen in Abhängigkeit sowohl von dem Material empirischer Beobachtungen als auch von den historischen Bedingtheiten und gesellschaftliche Zielen ändert. Der Mensch des Konfuzius ist ein anderer als der des Adam Smith. Aristoteles hat in der »Nikomachischen Ethik« einen anderen Menschen im Blick als Nietzsche in »Menschliches Allzumenschliches«. Auch wenn sich diese Menschenbilder ganz oder teilweise ausschließen, sagen sie doch alle etwas über den Menschen, das heißt über die Möglichkeiten des Menschseins aus. Wir fragen darum, ob angesichts solcher Vielstimmigkeit die Frage nach dem Menschen nicht vorverlegt werden muß in die Frage nach den wirklichen Voraussetzungen und Verhältnissen, unter denen und in denen Menschen leben; ob also nicht doch eine Art Ontologie sachlich und logisch früher ist als die Anthropologie; und welche ontologischen Bestimmungen es sind, von denen auszugehen wäre. TOPOS will keine Antworten auf Fragen geben, sondern die Dimensionen aufzeigen, in denen die Antworten sich bewegen. Eine Zeitschrift ist kein Lehrbuch, sie verfährt nicht apodiktisch, sondern problematisch. Wohl aber mag jeder Autor für sich eine feste Lehrmeinung haben, deren geschlossenes Konzept er in den offenen Horizont der Zeitschrift einbringt und so selbst wieder der Befragung aussetzt. ...

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